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"Salzburger Nachrichten": Der Ausnahmepolitiker

05. September 2006

Aufdecker und Populist, Charismatiker und Egozentriker, Dr. Martin und Mr. Hyde: Nationalrats-kandidat Hans-Peter Martin hat zwei Gesichter.

HELMUT SCHLIESSELBERGER Doch regt in dieser kargen Zeit/ein frischer Wind sich bundesweit,/ und neue Kraft belebt die Glieder,/ denn H.-P. Martin regt sich wieder,/ der Schrecken des Establishments." Die Zeilen reimte der Hausdichter der "Krone", schon bevor die Nationalrats-Kandidatur Hans-Peter Martins bekannt wurde.

Die "Kronen Zeitung" hat ihre Hilfe für Martin auf Druck des deutschen Miteigentümers zurückgefahren. Und es stellt sich die Frage, wen Martin in diesem Wahlkampf schrecken wird - und wen danach?

Der hochintelligente, mitunter charismatische Vorarlberger, den ein großes Gespür für öffentlichkeitswirksame Themen auszeichnet, ist im Laufe seiner Karriere immer wieder zum Schrecken seiner Weggefährten geworden. Auch der engsten: 1979 arbeitete Martin nach Wallraff-Vorbild in einer Vorarlberger Textilfabrik und rechnete dann in einem Buch hart mit den Arbeitsbedingungen ab - nicht zuletzt zum Schrecken seines Vaters, der mit der Eigentümerfamilie befreundet war.

Erfolge pflastern den Weg des Journalisten ("Der Spiegel"), Bestsellerautors ("Die Globalisierungsfalle", "Bittere Pillen") und Politikers (14 Prozent bei den letzten Europawahlen). Auch politische Wegbegleiter Martins berichten über anfängliche Begeisterung für seine Ideen und für sein Engagement.

Sie lernten aber auch bald das andere Gesicht des "weißen Ritters" - Martin trat stets mit weißen Leinensakkos auf - kennen: Martin gilt, sehr gelinde formuliert, als nicht teamfähig. Er zerstritt sich 1999 als Spitzenkandidat der SPÖ für die EU-Wahlen noch während des Wahlkampfs mit dem gesamten Team. Im Vorjahr überwarf er sich auch mit den Mitarbeitern seiner "Bürgerliste", mit der er 2004 bei den EU-Wahlen 14 Prozent erreichte, und mit Karin Resetarits, die auf seiner Liste kandidiert hatte. Resetarits warnt heute vor einer Mitarbeit bei Martin: "Er ist ein Populist der übelsten Sorte."

Der schießt zurück: Resetarits sei ein "Kuckucksei der Spesenritter".Bei den Wählern konnte Martin 2004 mit dem Aufdeckerimage voll punkten. Er hat mit dem Spesenskandal im EU-Parlament tatsächlich einen Sumpf aufgewühlt, gleichzeitig aber dumpfe Ressentiments gegen die EU geschürt: Seine Methoden, Mandatare mit Knopflochkameras zu bespitzeln und so die von vielen kritisierte Spesenproblematik auf untergriffige Weise zu dramatisieren, drängten ihn in Brüssel immer mehr ins Out.

Wird HPM am Wahltag zum Schrecken der anderen Parteien? Laut Umfragen können sich 35 Prozent vorstellen, ihn zu wählen. Dennoch könnte es mit der 4-Prozent-Hürde knapp werden. Martin kündigte an, Packelei und Parteibuchwirtschaft zu bekämpfen und verweist auf seine EU-Agenda. Das aufwühlende Thema für den Wahlkampf hat er noch nicht gefunden.

Mit der proklamierten Transparenz hält es Martin selbst nur bedingt. Er legt sich nicht fest, ob er nach einem Wahlerfolg sein EU-Mandat aufgibt, redet aber vom angestrebten Klubvorsitz in Wien. EU- und Nationalratsmandat sind aber unvereinbar. Ob Martin einen geschäftsführenden Klubobmann einsetzen und als EU-Mandatar Klubchef einer Liste Martin im Parlament spielen kann, darüber werden vielleicht bald die Juristen streiten.

Für diejenigen unter den acht bisher bekannten No-Name-Kandidaten der Liste Martin, die es in den Nationalrat schaffen werden, hätte diese Lösung zumindest den Vorteil, dass der mitunter schwierige Listen-Übervater nicht so oft da ist.