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"Kurier": Politiker ärgern die Bürger am meisten
Die österreichische Tageszeitung "Kurier" veröffentlicht in der Ausgabe vom 2.9.2006 eine große Umfrage zum Thema, was die Österreicher am meisten stört.
Politiker ärgern die Bürger am meisten
Ausländer und hohe Steuern regen weniger auf als Behörden, die "Privilegierte" bevorzugen.

Der Österreicher erfreut sich an der schönen Landschaft.
Die Österreicher verbinden mit dem Begriff "Österreich" wenig überraschend vor allem das Land und da, schon ein bisschen überraschender, überwiegend positive Gefühle: Sie schätzen die schöne Landschaft, die hohe Lebensqualität und die soziale Sicherheit. Im Alltag gibt es aber zwei ganz massive Ärgernisse: Die Politiker und die Behörden.
Fast jeder zweite Österreicher ist mit den gewählten Volksvertretern unzufrieden, jeder fünfte würde ihnen sogar die Schulnote "Nicht genügend" geben. Und deutlich mehr als drei Viertel der Österreicher glauben, dass es für privilegierte Bürger bei Gerichten und Behörden im Land eine ungerechtfertigte Vorzugsbehandlung gibt.
Das ist das Ergebnis einer KURIER-Umfrage, die das Marktforschungsinstitut Integral Ende August unter 500 Österreichern über 14 Jahre durchgeführt hat.
Brisanz vor den Wahlen
"Viele werden sich überlegen, ob sie überhaupt zur Wahl gehen."
Petra Schiesser, IntegralDie schlechten Werte für die heimischen Politiker sind angesichts der bevorstehenden Nationalratswahlen im Oktober von einiger Brisanz. Nur zwei Prozent der Befragten geben Politikern die Bewertung "sehr zufrieden", 27 Prozent sind dagegen "nicht zufrieden", 20 Prozent "überhaupt nicht zufrieden". Die Gesamtnote liegt bei 3,5 und ist damit die eindeutig schlechteste bei den verschiedenen Zufriedenheits-Fragen.
Dass dieser Frust auch Auswirkungen auf die Wahlbeteiligung am 1. Oktober haben kann, schließt Petra Schiesser von Intergral nicht aus. Schließlich wurde die Unzufriedenheit noch vor Beginn der intensiven Wahlkampfphase erhoben. "Ich kann mir vorstellen, wenn die Untergriffe schlimmer werden, dass sich dann viele überlegen werden, ob sie überhaupt zur Wahl gehen."
Die Wahlbeteiligung hat bei vergangenen Landtagswahlen ohnehin schon teilweise erschütternde Tiefstwerte erreicht (Wien: 59,95 Prozent); bei Nationalratswahlen ist sie von 90 Prozent noch in den siebziger Jahren schon auf 80 Prozent gefallen, 2002 aber noch einmal auf gut 84 Prozent gestiegen.
"Erschreckendes Urteil"
Noch signifikanter als die Unzufriedenheit mit der Politik ist die mit den Behörden: 78 Prozent, also fast vier von fünf Österreichern, glauben, dass es privilegierte Bürger gibt, die bei österreichischen Behörden und Gerichten eine Vorzugsbehandlung erfahren. Dieses für den Rechtsstaat "erschreckende Urteil" (Schiesser) ist tendenziell bei Frauen stärker ausgeprägt, in den Bundesländern Niederösterreich und Burgenland sowie Tirol und Vorarlberg ist die Haltung etwas weniger kritisch.
Rundum zufrieden ist der Österreich dafür offenbar mit der Landschaft und mit der Lebensqualität/Lebensstandard (meiste Spontannennungnen, siehe Grafik). Auch die persönliche Sicherheit wird sehr hoch eingestuft.
Hoher Lebensstandard
In der Detailauswertung zeigt sich, dass 95 Prozent der Befragten den Freizeitmöglichkeiten in der Natur die Noten eins oder zwei geben. 91 Prozent geben diese Noten für ihre Wohnsituation, wobei die Wiener deutlich unzufriedener sind.
84 Prozent bewerten die persönliche Sicherheit mit eins oder zwei (nur vier Prozent sind nicht oder überhaupt nicht zufrieden), wobei das Sicherheitsgefühl mit steigendem Alter abnimmt.
Mehr als vier von fünf Österreichern (83 Prozent) halten auch die Bildungsmöglichkeiten im Land für sehr gut oder gut.
Mit Arbeit zufrieden
"Detaillierte Nachfrage zeigt, dass die Raunzermentalität ja doch nicht so ausgeprägt ist.", Petra SchiesserDie Arbeitssituation wird von 62 Prozent der Befragten mit den beiden Höchstnoten bewertet, nur sechs Prozent sind unzufrieden oder sehr unzufrieden.
Auch die finanzielle Situation schätzen immerhin noch 60 Prozent als gut oder sehr gut ein. Sieben Prozent sind finanziell unzufrieden, vier Prozent sehr unzufrieden.
Vor allem 40- bis 59jährige sind mit der Arbeits- und der Geldsituation deutlich unzufriedener als andere. "Das liegt daran, dass diese Gruppe von Arbeitslosigkeit stärker betroffen sind", sagt Schiesser.
Ärger über Ausländer
Beim Ärger rangieren nach den Politikern mit deutlichem Abstand bei den Spontan-Nennungen die Ausländer und die Zuwanderung am zweiten Platz. Teuerung, Lebenshaltungskosten und Steuern folgen – trotz hoher finanzieller Zufriedenheit – auf Rang drei (siehe Grafik).
Am wenigsten Nennungen in Sachen Ärger gab es für allgemeinen Werteverfall, Umweltverschmutzung und die Medien.
Freundlicher als Deutsche
Abgefragt wurde auch die Selbsteinschätzung des "typischen Österreichers" und die des "typischen Deutschen". Bei den positiven Eigenschaften (kontaktfreudig, vernünftig, freundlich, locker, etc.) sieht sich der Österreicher erwartungsgemäß voran, allerdings hält er den Deutschen für gründlicher, cleverer und vor allem entschlossener.
Bei den negativen Eigenschaften kritisiert man die eigene Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit, die Deutschen hält man dafür für komplizierter und vor allem herrischer.
Überrascht
Insgesamt ist auch Integral -Forscherin Petra Schiesser von dem Umfrageergebnis positiv überrascht: "Der Österreicher, der immer nur als Nörgler verschrien ist, zeigt bei detaillierter Nachfrage, dass die Raunzermentalität ja doch nicht so ausgeprägt ist."
Er sei im Großen und Ganzen "mit dem Land und seinen Lebensumständen sehr zufrieden."
KURIER | Andreas Schwarz
